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Geschichtliches
Reformation in Sax
Reformation in Sax
Kurze Geschichte zur Reformation in der Herrschaft Sax-Forsteck
400 Jahre Kirchgemeinde Sax-Frümsen
1. Kirchliche Verhältnisse vor der Reformation
Eine stürmische Zeit muss es gewesen sein, damals im Vorfeld der Reformation. Die römische Kirche, im 15. Jahrhundert ein morsches Gebilde, hatte durch Kirchenspaltung und Selbstsucht an Ansehen und Autorität verloren. Nicht wenige Kirchenvertreter gingen lieber weltlichen Freuden nach, anstatt sich der Seelsorge ihrer Mitchristen anzunehmen. Christliche Ideale wie z.B. Nächstenliebe und Bescheidenheit hatten offenbar keine Geltung mehr. Die kirchlichen Missstände führten zwar immer wieder zu Reformbestrebungen, welche aber, sobald sie tiefere Veränderungen verlangten, von den Machthabern in der Regel mit aller Härte unterdrückt wurden und somit zum Scheitern verurteilt waren. Dennoch entwickelte sich in Deutschland mit dem aufkommenden Humanismus, der eine Rückbesinnung auf die antiken Ideale forderte, allmählich eine lebendige und geistig fruchtbare Bewegung gegen die verknöcherte Scholastik der römischen Kirche, die schliesslich in der Reformation ihren Höhepunkt fand.
Über die kirchlichen Verhältnisse in der Freiherrschaft Sax ist vor 1500 nur wenig bekannt. Im Gebiet der heutigen Politischen Gemeinde Sennwald-. bestand bis ins Hochmittelalter nur die Pfarrkirche zu Sax, die im 13. Jahrhundert das erste Mal erwähnt wird. Zum Kirchenspiel Sax gehören seit jener Zeit das Dorf Sax, die Roden Halden, Spengelgass und Hohlengass, welche einst das Dorf Frümsen bildeten, sowie der Weiler Büsmig. Die Roden im Sennwald und die Dörfer Salez und Haag waren nach Bendrn kirchgenössig. Sennwald wurde 1422, Salez sogar erst 1514 eine eigene Kirchgemeinde.
Im Schwabenkrieg von 1499 wurden Sax und Sennwald von kaiserlichen Truppen übel verwüstet. Selbst die Kirche von Sennwald fiel Brandstiftern zum Opfer. Es herrschten rauhe Sitten, und die Bevölkerung litt bittere Not. 'Viele Saxer suchten deshalb ihr Brot im Kriegsdienst. Zwischen 1500 und 1515 zogen sie z.B. nach Novara, Pavia und Marignano. Die zu jener Zeit innig betriebene Kriegstreiberei und die aufs Beste organisierte Reisläuferei waren jedoch nur für kleine Kreise ein gewinn- bringendes Geschäft. Das gewöhnliche Volk wurde ausgebeutet und fristete ein elen- des Dasein. Es ist nicht verwunderlich, dass die Reformer der abendländischen Gesellschaft mit ihren Ideen nebst den intellektuellen Kreisen gerade bei den kleinen Bürgern und Bauern auf einen fruchtbaren Boden stiessen.
2. Die erste Reformation
Die verwahrlosten Zustände in der römischen Kirche, z.B. Ablasshandel und Pfründenwirtschaft, sowie das durch die Reisläuferei hervorgerufene Elend, aber auch der allgemeine gesellschaftliche Niedergang waren der Grund für die Einführung der Reformation in Zürich durch Ulrich Zwingli. Die Reformationsbewegung, welche sich ab 1520 im Osten der Schweiz ausbreitete, erreichte auch unsere Gegend. Deren Lehrinhalte wurden von den Untertanen anfänglich missverstanden und mündeten vorerst einmal in politischen Forderungen. Die Sennwalder veranstalteten sogar einen kleinen Bauernaufstand, der Dank dem Eingreifen des Rates der Stadt Zürich für alle Beteiligten ziemlich glimpflich ausfiel. Die Saxer erhielten 1528 vom Landesherr mehrere Begünstigungen betreffs der Entrichtung von Fronen und Fällen. Den Sennwaldern und Salezer wurde hingegen der Loskauf von verschiedenen Steuerlasten gestattet, u.a. die Steuer für die Fasnachtshennen.
Der damalige Besitzer der Freiherrschaft Sax-Forsteck, Ulrich von Hohensax, er hielt sich in seinen jüngeren Jahren meist in französischen Kriegsdiensten auf, verbrachte die letzten Lebensjahre von 1528 bis zu seinem Tod 1535 auf Schloss Bürglen im Thurgau. Die Verwaltung der Herrschaft besorgte sein Statthalter Hans Egli. Wie und seit wann Ulrich von Hohensax für die Reformation gewonnen wurde, kann nicht genau gesagt werden. Es scheint, dass er sein Bekenntnis erst nach dem ersten Kappelerkrieg von 1529 gewechselt hat. Der Einfluss der Stadt Zürich, mit der er seit 1488 im Burgrecht stand, dürfte bei der Gesinnungsänderung keine untergeordnete Rolle gespielt haben.
Während sich die Reformation in den benachbarten Schweizergemeinden fast vollständig durchsetzte, wurden die Untertanen des Freiherren hauptsächlich wegen den Umtrieben des Statthalters Hans Egli, der von Anfang an ein entschiedener Gegner der Reformation war, daran gehindert, dem Beispiel ihrer Nachbarn zu folgen. Erst 1529 schickte Zürich einen Prädikanten nach Sennwald, der an seiner neuen Arbeitsstätte sogleich eifrig das Evangelium lehrte, so dass die Bewohner von Sennwald schon nach kurzer Zeit beschlossen, die Abgötterei und Götzen hinweg zu tun. Am Abend nach diesem Beschluss verschafften sich Hans Egli und ein Fit von Hewen zusammen mit ein paar Gesellen gewaltsam einen Zugang in die Kirche und entnahm die Altartafeln, den Kelch, das Messgewand und das Altartuch. Bald einmal wurde auch die Mehrheit der Kirchgenossen von Salez, Sax und Frümsen evangelisch. Nur die Bewohner von Haag, die eine enge Beziehung zu Bendern hatten, blieben voll- ständig katholisch.
Hans Egli wurde abgesetzt, blieb aber nicht untätig. Es gelang ihm sogar, ein kaiserliches Verbot zu erlangen, das einzelne Familien schütze, indem sie nicht gegen de- ren Willen zum evangelischen Gottesdienst angehalten werden durften. Am 20. September 1530 schrieb der Pfarrer von Sax nach Zürich, man möge ihm den Hans Egli vom Halse schaffen, ansonsten er sich genötigt sehe, selbst einen Abgang zu machen.
Daraufhin wurde Hans Egli des Landes verwiesen. Ab dieser Zeit hatten die Evangelischen der Herrschaft Sax-Forsteck Ruhe.
Etwa ein Jahr nach Beendigung des zweiten Kappelerkrieges und Zwinglis Tod im Jahr 1531 änderte der Landesherr seine Meinung. Er wurde wieder katholisch und verlangte nun auch von seinen Untertanen, dass sie seinem Beispiel nachfolgten. Der Grund für den Gesinnungswandel liegt bei einem Entscheid der französischen Krone. Die katholischen Stände der Innerschweiz hatten mit Erfolg eine Aussetzung der ihm von den früheren Kriegsdiensten jährlich zustehenden Pensionszahlung bewirkt. Diese für den Freiherren empfindliche Sanktion sollte solange andauern, bis der Freiherr wieder ins katholische Glaubenslager zurück kehrte, und bewirkte letztlich eine schnelle Umstimmung.
1532 wurde Hans Egli wieder eingesetzt. Er vertrieb die Prädikanten und büsste die lokalen Verordneten der evangelischen Kirchenverwaltung mit je 100 Gulden. Die evangelischen Untertanen beklagten sich wegen der schlechten Behandlung beim Rat der Stadt Zürich. Diesmal blieben die Bemühungen angesichts der Niederlage bei Kappel erfolglos. 1534 wurde die Durchführung des evangelischen Gottesdienstes bei Strafe verboten.
3. Die zweite Reformation
Freiherr Ulrich hinterliess als einzigen Erben einen Sohn namens Ulrich Philipp. Die- ser weilte wie einst sein Vater, so oft er konnte, in französischen.. Kriegsdiensten. Während seiner Abwesenheit verwaltete sein unehelicher Halbbruder Matthias Saxer die Herrschaft. Als der Freiherr eines Tages wieder einmal in die Heimat zurück kehrte, musste er feststellen, dass seine Frau mit dem Halbbruder während seiner Abwesenheit Ehebruch begangen hatte und kurz vor seiner Ankunft mit diesem über den Rhein geflohen war. Diese ungeheuerliche Tat betrübte den Freiherr derart, dass er sich so schnell wie möglich von seiner Frau trennen wollte. Da ihm das kanonische Recht eine ordentliche Trennung jedoch vewehrte, entschloss er sich, seinen väterlichen Glauben abzulegen, sich unter den Schirm der Stadt Zürich zu begeben und den evangelischen Glauben anzunehmen. Seine zweite Frau war eine beflissene Anhängerin der evangelischen Sache. Die Kinder aus der ersten Ehe blieben katholisch.
Der grösste Teil der Herrschaftsleute nahm nach 1534 die katholischen Gebräuche wieder an, so dass der Chronist Agidius Tschudi schreiben konnte: Das Volk besteht aus guten, frommen und gottesfürchtigen Leuten, die jährlich nach Einsiedeln in grosser Zahl pilgern.
Trotz der wieder eingekehrten Anhänglichkeit der Herrschaftsleute zur katholischen Kirche gelang es dem Freiherr Ulrich Philipp, die Reformation zum zweiten Mal in der Gegend einzuführen. Dabei half ihm das Wiedererwachen der Glaubenserneue- rung, vor allem in den Gemeinden Salez und Sennwald, wo die evangelische Lehre in den Köpfen der Leute nicht vollständig beseitigt war. Der evangelische Pfarrer in Altstätten, Hans Wonlich von Zürich, hielt seit dem 8. August 1563 ab und zu Pre- digten in Salez. Gegen Ende des Jahres 1564 wurde der katholische Pfarrer in Senn- wald seiner Stelle überdrüssig. Das nutzte der Freiherr geschickt und liess darauf in Salez und Sennwald je eine Kirchgenossenversammlung einberufen, wo er einen Vortrag für die Annahme des evangelischen Glaubens hielt. Die Mehrheit in beiden Gemeinden entschied sich schliesslich für die Einführung der evangelischen Lehre. Am 8. Januar 15 65 erhielten Salez und Sennwald je einen evangelischen Pfarrer.
Wie die Saxer und Frümsner dem Entscheid der Salezer und Sennwalder gegenüber standen, ist nicht bekannt. Es ist anzunehmen, dass die Mehrheit der in Sax und Frümsen lebenden Leute, wie das ganze Dorf Haag immer noch katholisch blieb. Erst auf Ostern 1567 zog mit einem Hans Huser ein evangelischer Pfarrer nach Sax. Die wenigen Saxer und Frümsner, die jetzt noch katholisch waren, beliess der Freiherr bei ihrem Glauben. Zur Befestigung der Reformation stiftete der Freiherr der Saxer Kirchgemeinde 1576 eine Glocke, die den sinnreichen Spruch trägt: Wenn Gott mit uns, wer kann wider uns sein!
Das Reformationswerk von Ulrich Philipp war bereits kurz nach seinem Tod im Jahr 1585 wieder gefährdet. Als erster der Söhne kehrte der katholische Johann Diepold nach Sax zurück und errichtete dort eine Willkürherrschaft. Schon kurze Zeit nach seiner Rückkehr berät er sich mit einem Benediktinermönch von Einsiedeln über die Wiedereinführung des Katholizismus. Seine reformierten Halbschwestern vertrieb er nach Werdenberg. Die geplante Gegenreformation konnte er hingegen nicht in die Tat umsetzen, da er bereits 1586 starb.
Erst die endgültige Heimkehr von Johann Philipp von Hohensax brachte wieder Stabilität ins Land. Der Freiherr führte eine vorbildliche Verwaltung ein. Die Kirchgemeinden erhielten eine ordentliche Behörde, die aus dem jeweiligen Pfarrer, Richtern und Ehegaumern (Aufseher über Sitte und Moral) bestand. Die Kirchgemeinde Sennwald errichte als eine der ersten im Rheintal ein Ehe-, Tauf- und Sterbebuch. Das für die Reformierten wichtige Schulwesen sowie auch das Armenwesen wurden grundlegend reorganisiert. Der Freiherr musste aber bald einmal einsehen, dass seine Neuerungen nicht bei allen Herrschaftsleuten auf Gegenliebe stiessen, insbesondere die Bekehrung der Haager gelang ihm nicht. Er beliess sie schliesslich bei ihrer Religion, als sie ihm versprachen, dass wenigstens eine Person aus jeder Haushaltung die Wochenpredigt in Salez besuchen werde. Eine ähnliche Regelung hatte ab etwa 1571 bereits sein Vater mit den Haagern getroffen.
1595 stellte Ulrich Georg von Hohensax die Forderung, dass eine Kirche in der Herrschaft Sax-Forsteck für die Altgläubigen zur Verfügung stehen müsse. Seine Forderungen und Angriffe gegen seine reformierte Verwandtschaft wurden immer heftiger. Johann Philipp suchte zwar einen Ausgleich mit seinem katholischen Neffen, in Sachen Reformationswerk wollte er diesem jedoch nicht nachgeben, was ihm letztlich zum Verhängnis wurde. 1596 wurde Johann Philipp am Maiengericht im Löwen zu Salez von seinem Neffen durch einen Schwerthieb tödlich verwundet. Wenige Tage danach starb er.
Als der katholische Freiherr Johann Albrecht 1597 in Sax starb, verliessen seine Familienangehörige das Dorf Sax Richtung Elsass und verkauften die Herrschaft Sax mit den Dörfern Sax und Frümsen an die reformierte Verwandtschaft. Damit kam die Reformation in Sax und Frümsen um 1600 zu einem endgültigen Abschluss. Am 17. August 1637 traten dann Dank dem trefflichen Wirken des Pfarrers Jost Grob in Salez als letzte Gemeinde im Stand Zürich auch noch die Haager zum evangelischen Glauben über.
Herzlichen Dank an Michael Berger, Haag, für die Erlaubnis diese Zusammenfassung zu publizieren - 5. November 2000
Quellen
1. Beschreibung der Reformation in der Herrschaft Sax und Forsteck, Jost Grob, Salez, 1645, Kantonsbibliothek Vadiana, St.Gallen
2. Die erste und zweite Reformation der ehemaligen Herrschaft Hohensax-Forsteck, Huldreich Sulzberger, Sevelen, 1850, Kantonsbibliothek Vadiana, St.Gallen
3. Geschichte der evangelischen Kirchgemeinden Sennwald-Lienz, Sax-Frümsen und Salez-Haag, Richard Aebi, Sennwald, 1963, Staatsarchiv Zürich, Zürich 5